65 Jahre Migration aus der Türkei – Wir kämpfen weiter für Solidarität und Gleichberechtigung
Am 30. Oktober 2026 jährt sich das Anwerbeabkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Türkei zum 65. Mal. Als Migrantenselbstorganisation, die sich vor allem unter Türkeistämmigen organisiert, blicken wir zurück auf Jahrzehnte der Kämpfe gegen Rassismus und Diskriminierung und für gleiche Rechte auf allen Ebenen. Wir sehen, dass die Bestrebungen für Gleichberechtigung, trotz aller Entwicklungen, noch lange nicht abgeschlossen sind. In einer Zeit der Spaltungsversuche müssen wir umso mehr zusammenhalten.
Als die ersten Arbeitsmigranten aus der Türkei 1961 – zusammen mit vielen anderen weiterer Nationen – nach Deutschland kamen, war es eine Zeit der Entbehrungen. Eine Zeit, in der es keine (sozialen) Rechte, Einbindung in die Gesellschaft und Mitbestimmung gab. Das Ziel der BRD war klar formuliert: die Migranten sollten arbeiten – unter den schwierigsten Bedingungen, zu den billigsten Konditionen – und anschließend zurückkehren. Ein Einwanderungsland – das will Deutschland auch bis in die 2000er Jahre hinein nicht gewesen sein. Eine politische Vorgabe jenseits der Realität. Als unterstes Glied innerhalb der Arbeiterklasse erkämpften sich die migrantischen Arbeiter, mit der Solidarität und Unterstützung der deutschen Beschäftigten, viele Rechte Stück für Stück. Manche dieser Kämpfe sind heute durchaus prominent, wie der Wilde Streik der Arbeiter bei Ford in Köln oder der von weiblichen Beschäftigten erfolgreich geführte Arbeitskampf bei Pierburg in Neuss. Selbst die versuchte Rückführpolitik der Bundesregierung ab den 1980ern oder die rassistischen Pogrome in den 1990ern, die in Verbrechen wie in Solingen oder Mölln mündeten, änderten nichts an der Realität: türkeistämmige Menschen waren schon längst ein aktiv prägender Teil der Gesellschaft – auch wenn noch kein gleichberechtigter. Ein Umstand, den nicht nur die deutsche Politik bis heute zu ändern versucht, sondern auch die türkische. Rückschrittliche türkische Gruppierungen, die einen Keil ins Zusammenleben treiben wollen und die die Interessen des türkischen Staats in Deutschland verfolgen, gibt es hier nicht zu wenig. Spätestens wenn die türkischen Wahlurnen nach Deutschland kommen, sehen wir eine Zerrissenheit, sowohl zwischen den Türkeistämmigen und der Mehrheitsgesellschaft, als auch innerhalb der Menschen mit Wurzeln aus der Türkei.
Heute, nach 65 Jahren, gibt es natürlich eine Entwicklung. Viele von uns sind hier geboren und aufgewachsen. Wir sprechen besser Deutsch, als Türkisch. Die Türkei ist für die meisten nur noch das Land, in dem Verwandte leben und wohin man im Urlaub fährt. Doch wir dürfen uns von den Entwicklungen nicht täuschen lassen. Denn selbstverständlich sind auch Türkeistämmige keine homogene Gruppe. Und auch die Tatsache, dass Cem Özdemir als erster Türkeistämmiger Ministerpräsident eines Bundeslandes geworden ist oder dass Uğur Şahin und Özlem Türeci Milliardäre sind, ändert nichts daran, dass die meisten bis heute unter schwierigen Bedingungen leben und arbeiten. Noch immer sind Türkeistämmige überdurchschnittlich oft in unsicheren Beschäftigungsverhältnissen, studieren seltener und erleben auf dem Wohnungs- oder Arbeitsmarkt Rassismus. Und bis heute wird auf unserem Rücken Politik gemacht.
Beim Festakt zum 65. Jubiläum der Arbeitsmigration vor wenigen Tagen sprach der Bundeskanzler zwar davon, dass die Türkeistämmigen den Wohlstand Deutschlands mit aufgebaut hätten, drückte aber in seiner Rede auch aus, dass man „irreguläre“ Migration begrenzen müsse, um Ressourcen zu sichern. Merz selbst ist es, der seit Monaten eine Politik führt, die aus der systematischen Kriminalisierung und Stigmatisierung von Migranten besteht. Merz selbst spricht von „Stadtbildern“ oder „kleinen Paschas“, vergiftet das gesellschaftliche Klima mit und hetzt gegen jene Schutzsuchende, die ohnehin zu den Schwächsten in der Gesellschaft gehören.
Wir machen uns keine Illusionen darüber, welche Rolle Migration in diesem System spielt. Migranten werden nach ihrer Verwertbarkeit hergeholt. Diejenigen, die hier als Arbeitskräfte gebraucht werden, können – zumindest eine Zeit lang – bleiben. Alle anderen, unabhängig von ihrem Schutzbedürfnis, werden ausgewiesen. Wir sollen dabei noch weitere Funktionen erfüllen. Als Lohndrücker oder als politischer Spielball sollen wir eingesetzt werden, um anhand der Herkunft die arbeitende Klasse zu spalten. Weder wird Friedrich Merz die Situation der Migranten in Deutschland verbessern, noch Cem Özdemir oder gar Recep Tayyip Erdoğan. Nur indem wir Teil der sozialen Bewegungen werden, uns fortschrittlichen Kämpfen anschließen und gemeinsam mit unseren Kollegen, Nachbarn und Klassenkameraden für gleiche Rechte und eine lebenswerte Zukunft kämpfen, können wir etwas verändern. 65 Jahre Migration sind 65 Jahre des Lernens, der Begegnung, aber auch der Solidarität. Nur mit Solidarität können wir etwas bewirken.
Bundesvorsitzende der Föderation Demokratischer Arbeitervereine – DIDF)
